Montag, 24. Juli 2017

Nelidowo - Moskau

In einem letzten Gewaltakt über 330 Kilometer machen wir heute den Sack zu und treten bis nach Moskau. "Macht das wirklich Spaß?", wird man nach solchen Aktionen immer wieder ungläubig gefragt und die Antwort lautet: "Ja, irgendwie schon!" Wahrscheinlich würde man selbst nicht das Wort "Spaß" verwenden, sondern vielleicht eher über die Intensität des Erlebnisses sprechen, über das Gefühl, an solchen Tagen förmlich über die Landschaft zu schweben und trotzdem jeden Kilometer bewusst wahrzunehmen, die Beschaffenheit der Straße unter dir, den Wind, das Wetter und die Gerüche - und sei es oft auch nur der Gestank der LKWs. Und dann ist da dieses stückweise Verringern der Distanz bis hin zum Ziel, das hunderttausendfache Hineintreten (ca. 350.000 Kurbelumdrehungen waren es, wir haben's ausgerechnet), das unvergleichliche Gefühl für Mobilität und Geografie, das sich nur durch die Fortbewegung aus eigener Muskelkraft ergibt - nicht zu vergleichen mit einer Autofahrt oder gar einem Flug, der einem förmlich die Realität raubt. Und dann der Augenblick des Endes dieser Linie, die man über die Landkarte gezogen hat, die Ausfahrt aus dem Tunnel des Fokus, in dem man sich viele Tage lang bewegt hat. Wie könnte man das Ankommen und den anschließenden Aufenthalt in einer Stadt besser absorbieren?
Ah ja, heute haben sich übrigens einige Lebende unter die ganzen Zombies gemischt. Wir wurden wiederholt aus fahrenden Autos angefeuert, mit "Thumbs up" unterstützt und an einer Raststätte hat uns eine Verkäuferin sogar angelächelt! Sind die am Ende gar doch menschlich?

Für die eher Fakten-Interessierten unter euch:

Gesamtwerte:
2145 Kilometer in 8,5 Tagen
10500 Höhenmeter

Durchschnittswerte:
252 km pro Tag
26 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit
1235 Höhenmeter pro Tag

bescheidenes Frühstück mangels Alternativen

die Steuerzentrale: Navigation und Unterhaltung in Form von Hörbüchern und Musik

die M9, unsere unerwartete Freundin

zwischendurch muss wieder Zucker ins Blut

Tempo 40, leicht bergauf: "Was ist denn das?"

Reiseradler, eine seltene Spezies!

viel Zeit bleibt nicht mehr

Einfahrt in die 15-Millionen-Stadt

That's it!

Sonntag, 23. Juli 2017

Sebesch - Nelidowo

Welcome to Zombieland - unglaublich, wie wenig Lebensfreude die Menschen hier ausstrahlen! Ob jung oder alt, ob am Straßenrand oder an irgendeiner Ladentheke - man ist mit einem desinteressierten, sauertöpfischen Gegenüber konfrontiert - wandelnde Relikte eines gescheiterten Kommunismus. Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme, aber für uns durchaus real. Die Versuchung, sich allzu weit in die Pampa zu bewegen, hält sich deshalb - und vor allem auch wegen der katastrophalen Straßenbedingungen abseits der Hauptroute - in Grenzen und wir bleiben nach dem morgendlichen Start entlang einer holprigen Nebenstraße lieber auf der überraschend gut fahrbaren M9. Das ist die Fernverkehrsstraße, die von der lettischen Grenze bis nach Moskau führt und vor der wir uns im Vorfeld wirklich gefürchtet haben. Wir bringen es heute einfach nicht übers Herz, die guten Verhältnisse ungenützt zu lassen und reißen glatte 300 Kilometer herunter! Die Versorgungsabstände und Übernachtungsmöglichkeiten sind sehr dünn gesät und es bleibt uns daher auch kaum eine andere Wahl. Ohne unsere an den Tag gelegte Schnelligkeit und Beständigkeit wären wir hier tatsächlich aufgeschmissen!

Ivans Schwiegermama kocht uns ein feines Frühstück.

Nebenstraße hinter Sebesch

Natur pur soweit das Auge reicht

die M9 begrüßt uns mit Flüsterasphalt

Gegensätze

Baustellen-Abschnitte und frischer Fahrbahnbelag wechseln sich ab

non-verbale Kommunikation, Zeichen Nr. 3: "Vollgas, keine Zeit verlieren!"

russische Souvenirs

Samstag, 22. Juli 2017

Daugavpils (Lettland) - Sebesch (Russland)

Intensiver, sehr abwechslungsreicher Tag: die zu Beginn noch recht bevölkerte Bundesstraße verflüchtigt sich nach und nach, erst zur einsamen Landstraße und dann zur staubigen, 25 km langen Schotterpiste entlang der weißrussischen Grenze. Am russischen Grenzübergang lassen wir zusätzlich eineinhalb Stunden mit den Grenzformalitäten liegen - unglaubliche sechs Kontrollen müssen wir passieren! Aber das Tagesziel Sebesch geht sich trotz allem recht gut aus und wir machen es uns nach 185 Kilometern in einer Privatunterkunft bei Ivan und seiner Familie gemütlich.

von der Verkehrshölle der letzten Tage zur lettischen Einsamkeit

Straßenopfer

Riesen-Bärenklau

Waldfriedhof

schwer zu entziffern: der vermeintliche Joghurtdrink stellt sich als Schlagsahne heraus, die 500 ml müssen trotzdem runter

Montezumas Rache, ein paar Kilometer später

full Speed auf Schotter ...

... bis man durch die Staubwolke des Lasters zum Stillstand gezwungen wird

non-verbale Kommunikation, Zeichen Nr. 2: "Ich muss mal!"

LKW-Warteschlange vor der russischen Grenze

happy, dass alle Grenzschleusen hinter uns liegen

Ivans Familie

Google sei Dank kann man sogar russische Speisekarten entziffern

Freitag, 21. Juli 2017

Kaunas (Litauen) - Daugavpils (Lettland)

Die Ländernamen wechseln zur Zeit bedeutend schneller als unsere Unterhosen (von denen wir eh nur zwei haben, eine für untertags und eine für den Abend - aber keine Sorge, die Radlerkluft wird täglich gewaschen, egal wie müde wir schon sind): gestern Polen/Litauen, heute Litauen/Lettland und morgen - falls alles läuft wie geplant - Lettland/Russland. 210 Kilometer waren's heute, Freitag, und seit unserem Start am Sonntagnachmittag sage und schreibe 1333!

Radlerkollege, wirkt leicht verloren!

Sportlerkollege, mal eine Abwechslung zu den entgegenkommenden Lastwagen!

Mittagsrast

die Seen werden mehr

fast übersehen: die nächste Grenze

non-verbale Kommunikation, Zeichen Nr. 1: "Ich hab Durst!"

Wieviel Staub verträgt eine menschliche Lunge eigentlich?

Donnerstag, 20. Juli 2017

Grajewo (Polen)- Kaunas (Litauen)

Durchwachsener Tagesverlauf mit dem schon vertrauten polnischen Bundesstraßenfeeling zu Beginn. Dann, nach einem feinen Frühstück in Augustow, folgt ein wunderschöner Abschnitt. Vier Stunden lang genießen wir die herrliche Landschaft mit ihren Hügeln, Wäldern und Seen. Wir gleiten über den Asphalt und haben so richtig Zeit, die Eindrücke aufzunehmen und auszukosten. 50 Kilometer vor dem Etappenziel Kaunas ist dann Schluss mit lustig und wir kämpfen uns im Gegenwind auf dem Pannenstreifen einer autobahnähnlichen Fernverkehrsstraße ins Ziel. 210 Kilometer sind es heute geworden.

Da kann man sich nicht immer dran halten.

Zeit zum Genießen

litauische Grenze

erster Kontakt mit der baltischen Holzwirtschaft

Mittwoch, 19. Juli 2017

Warschau - Grajewo

Die Hoffnung auf ruhigere Zeiten nördlich von Warschau zerschlägt sich bald nach unserem Start. Angesichts der schnurgeraden Bundesstraßenabschnitte und einer fehlenden, in die gleiche Richtung führenden Autobahn, ist offensichtlich, dass wir uns mitten auf der Durchzugsstrecke für PKWs und LKWs befinden. Ausweichrouten gibt es - bis auf ganz kurze Abschnitte - keine. 215 Kilometer sollen es heute werden.

morgendlicher Start in der Warschauer Altstadt

scheinbar endlose, polnische Wälder

Das mit der sogenannten, gesunden Ernährung wird deutlich überschätzt. Wir ernähren uns auf solchen Touren traditionell hauptsächlich von Junk, der sich als tadelloser Treibstoff erwiesen hat.

Straßendreck

volle Konzentration

So macht das der moderne Radler: am Etappenziel wird kurz rechts rangefahren, aufs Handy am Lenker getippt und die Unterkunft gebucht, in dem Fall für läppische 100 Zlotys (24 Euro) das Zimmer.

Dienstag, 18. Juli 2017

Gliwice-Warschau

320 Kilometer rauschen wir heute durch die polnischen Lande! Stunden über Stunden rackern wir auf Bundes- und Landstraßen, oft in dichtem Verkehr, nicht sonderlich entspannt. Die einheimischen Radfahrer, von denen doch einige zwischen den Orten und Städten unterwegs sind, machen dem motorisierten Verkehr bereitwillig Platz und begnügen sich oft mit lächerlich schmalen Dreckwegen entlang der Straßen. Das tun wir natürlich nicht und fühlen uns im Gegenzug immer wieder bedrängt. Ein aggressiver Lastwagenfahrer z. B. drückt beängstigend lange auf sein dröhnendes Horn und zwingt uns nach dem Überholen mit einem provokanten Bremsmanöver ins Schritttempo. Am Nachmittag dann folgen doch noch einige ruhigere und landschaftlich teils auch sehr schöne Abschnitte.

Baustellen-Feeling

öde und trist

Mini-Stopps zur Kalorienaufnahme

Idyllische Landstraßen bilden heute die Ausnahme.

Mit leicht verschwommenem Blick fahren wir in der Abenddämmerung in Warschau ein.